Finanzierung für KMU bedeutet mehr als Geldbeschaffung

ein Artikel von Harald Pöttinger• Unternehmensfinanzierung

Unternehmensfinanzierung dient heute nicht nur der Geldbeschaffung. Sie soll den strategischen und operativen Bedürfnissen des Unternehmens sowie den persönlichen Zielsetzungen der Eigentümer dienen. Dies ist eine komplexe Herausforderung. Unterschiedliche Instrumente und Finanzierungspartner stehen bereit.

Klassische KMU leben neben der Innenfinanzierung auch von den durch die Gesellschafter bereitgestellten Mitteln. Dazu kommen in der Regel übliche Finanzierungsinstrumente wie Bankkredite, Leasing oder Factoring. Gerade die Finanzierung durch den Unternehmer stößt aber oft an Grenzen, da dieser meist einen wesentlichen Teil seines Vermögens bereits im Unternehmen geparkt hat. Unternehmer tragen aber in der Regel ein persönliches Risiko, das über die eingebrachten Mittel hinausgeht. Bei KMU ist es oft üblich, dass auch persönliche Haftungen des Unternehmers Bankkredite besichern. Wenn etwas schiefgeht, so ist oft nicht nur das Unternehmen, sondern auch der Unternehmer und seine Familie finanziell massiv betroffen.

Dies hemmt und erschwert oftmals die Wahrnehmung von Marktchancen, da die Verantwortung für die Familie eine risikoaverse Geschäftspolitik notwendig macht. Denn jeder Unternehmer ist auch gut beraten, wenn er nicht sein gesamtes Privatvermögen „im Regelbetrieb“ einsetzt. Tritt eine Sanierungssituation auf, dann danken ihm Banken das nämlich selten. Er wird aufgefordert, Eigenkapital nachzuschießen. Dazu ist er aber nur dann in der Lage, wenn nicht bereits das gesamte Privatvermögen dem Zugriff der Bank unterliegt. Kann er nachschießen, dann ist oftmals auch die Bank dazu bereit, eine Sanierung mitzutragen.

Alternative Finanzierungen ergänzen klassische Finanzierungsinstrumente

Angesichts des heute zur Verfügung stehenden Spektrums ist es unverzichtbar, über alternative Finanzierungsformen nachzudenken. Die wichtigsten Möglichkeiten seien exemplarisch in der Folge kurz erläutert. Wer sich im Dickicht verschiedenartiger Angebote schwer orientieren kann, der sollte zunächst einmal nicht verzagen. Den meisten Unternehmen geht es ebenso, wenn sie sich für den richtigen Mix aus verschiedenen Versicherungsvarianten entscheiden sollen. Dort ist dann eben ein Versicherungsmakler gefragt. Im Bereich der Unternehmensfinanzierung ist es ähnlich. Denn nur wer unabhängig beraten kann und dafür auch vom Unternehmen selbst honoriert wird, kann einen sinnvollen Weg durch das Dickicht der Finanzwelt weisen.

Dieser Weg ist jedoch nicht nur vom unmittelbaren Finanzierungserfordernis abhängig. Der Jahresabschluss eines gut geführten Unternehmens entsteht auch nicht am Ende des Jahres einfach als Rechenwerk. Er ist idealerweise das Ergebnis bilanzpolitischer Überlegungen und der Sachverhaltsgestaltung während des Jahres im Interesse der Unternehmensstrategie. So sollte es auch mit der Unternehmensfinanzierung sein. Sie muss nicht nur die Liquiditätsbedürfnisse abdecken, sondern der zukünftigen Strategie und den Zielsetzungen des Unternehmens UND des Unternehmers angepasst werden. Dies eröffnet einerseits interessante Gestaltungsvarianten, erfordert andererseits aber eine 360-Grad Orientierung mit generalistischem Sachverstand.

Crowdfunding wird zunehmend für den Mittelstand interessant

Crowdfunding hat zunächst im Startup-Bereich seinen Anfang genommen. Nach wie vor ist es jedoch nur in der Form von Crowdinvesting für kommerzielle Anwendungen wirklich eine Alternative zu anderen Finanzierungsformen. Hier beginnt es jedoch auch durchaus für den Mittelstand interessant zu werden. Denn nicht nur die Finanzierung des Kernunternehmens, auch die Entwicklung von neu gegründeten Tochter- oder Schwestergesellschaften oder auch das Outsourcing neuer Projekte kommen dafür in Betracht.

Bislang wurde in der DACH-Region die Crowd vor allem für die Finanzierung von Startups herangezogen. Dies beginnt sich langsam zu ändern. Allerdings ist das insgesamt aufgebrachte Volumen bislang zwar im Steigen begriffen, in absoluten Zahlen ist die volkswirtschaftliche Bedeutung für den Mittelstand jedoch noch sehr überschaubar. Das verstärkt allerdings meine Überzeugung, dass es für den Mittelstand durchaus lohnenswert wäre, sich mit diesem durchaus attraktiven Instrument verstärkt auseinander zu setzen.

Kapitalbeschaffung über die Börse verändert ein Unternehmen grundlegend

Während Crowdinvesting generell als Finanzierungsinstrument eher für kleinere Unternehmen taugt, bedient ein Börsengang das andere Spektrum auf der Größenskala von Unternehmen. Eine Kapitalbeschaffung über die Börse erfolgt im Falle einer Erstnotiz entweder über einen sogenannten IPO („Initial Public Offering“) oder über eine Anleiheemission. Dieser Weg steht eher großen Unternehmen offen und ist für ein KMU selten sinnvoll. Eine Börsennotiz erfordert einen erheblichen laufenden administrativen Aufwand. Regulatorische Rahmenbedingungen werden immer komplexer und die Strafdrohungen selbst bei kleinern Verstößen werden immer härter. Randbörsen und Nebensegmente an etablierten Börsen, an denen kleine Volumina gehandelt werden, sind wiederum illiquid und daher eher für Spezialsituationen geeignet.

Eine Börsennotiz verlangt breite Transparenz und bedeutet schon deshalb regelmäßig eine Veränderung der Unternehmenskultur. Immer ist eine Börsennotierung mit hohem regulatorischem Aufwand verbunden, was nicht nach jedermanns Geschmack und für den klassischen Mittelstand jedenfalls ungewohnt ist. Ich weiß, wovon ich spreche, da ich selbst einmal Vorstand eines börsennotierten Unternehmens war.

Private Placements verschiedener Finanzinstrumente sind eine valide Option

Wie bereits seit Jahrhunderten bietet sich auch heute die Möglichkeit, vermögende Family-Offices und wohlhabende Privatpersonen als Investoren zu gewinnen. Hier hängt alles vom Einzelfall ab und dies ist sicher nicht der klassische Weg einer Unternehmensfinanzierung. Ein derartiges Private Placement kann jedoch im Einzelfall extrem interessant sein. Family Offices verfügen oftmals über exzellente Kontakte, die sodann dem Unternehmen dienlich sein können. Zumeist stellen sie die Privatschatulle vermögender Unternehmerfamilien dar. Ein unternehmerischer Zugang zum KMU ist daher in der Regel gegeben. Ein Sparringpartner mit tiefen Taschen und wenig formaler Herangehensweise kann für einen Unternehmer ausgesprochen hilfreich sein.

Junge Unternehmen, weniger klassische KMU, greifen gelegentlich auf Business Angels zurück. Sowohl für Neugründungen als auch für KMU steht in Deutschland und Österreich, weniger in Liechtenstein und der Schweiz, eine ausgewogene Palette sowohl von staatlichen als auch von EU-Förderungen bereit. Das sogenannte Seed-Funding erfolgt in der Regel noch vor Markteintritt und ist daher für den Mittelstand keine alternative Möglichkeit der Finanzierung des Kerngeschäfts. Allerdings kommt es bei der Entwicklung von neu gegründeten Tochter- oder Schwestergesellschaften oder auch beim Outsourcing neuer Projekte in Betracht.

Ist ein mittleres Finanzierungsvolumen in frühen Unternehmensphasen erforderlich, so bietet Venture Capital interessante Möglichkeiten einer Eigenkapitalfinanzierung. Zumeist setzt dies allerdings ein skalierbares Geschäftsmodell in einer Technologie- oder Internetbranche voraus. Weiters muss der Unternehmer zumeist bereit sein, sein Unternehmen nach einigen Jahren zu verkaufen. Private Equity durch institutionelle Investoren ist der typische Weg, um einem bereits etablierten Unternehmen Eigenkapital zuzuführen oder aber eine Unternehmensübernahme zu finanzieren. Allerdings setzt dies meist ebenso wie bei Venture Capital die Bereitschaft des Unternehmers voraus, nach einigen Jahren das gesamte Unternehmen zu veräußern oder es zumindest an die Börse zu bringen. Dies ist naturgemäß nur für einen kleinen Prozentsatz der KMU eine anstrebenswerte Option.

Fremdkapital muss nicht immer Bankkredit heißen

Etablierte Unternehmen mit stabilem Cash Flow wählen gelegentlich die Möglichkeit von Mezzaninkapital. Dabei handelt es sich um unbesicherte Finanzierungen mit erhöhter Verzinsung. “Mezzanin” bringt zum Ausdruck, dass es sich häufig um ein hybrides Finanzierungsinstrument handelt, das zwischen Eigen- und Fremdkapital angesiedelt ist. Vor allem aus Sicht vorrangiger Gläubiger wie Banken wird der Eigenkapitalcharakter dadurch hergestellt, dass Mezzaninkapital nachrangig zur Verfügung gestellt wird. Je nachdem, ob die Vergütung stark erfolgsabhängig ausgestaltet ist oder sich in der Verzinsung eher an klassischem Fremdkapital orientiert, unterscheidet man zwischen “Equity Mezzanin” oder “Debt Mezzanin”. Die zivilrechtliche Ausgestaltung kann stark variieren und reicht von Genussrechten über stille Beteiligungen bis zu Darlehen.

Sogenannte Debt-Funds haben sich in den letzten Jahren breit gemacht, um die in ihrer Handlungsfähigkeit stark durch Regulatorien eingeschränkten Banken zu ersetzen oder zu ergänzen. Die oftmals bewusst komplizierte Strukturierung derartiger Finanzierungen kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese Finanzierungen meist ziemlich teuer und gleichzeitig hart in ihren Bedingungen sind. Schuldscheindarlehen, Mittelstandsanleihen und sonstige verbriefte Strukturen ergänzen das breite Spektrum an Fremdkapitalinstrumenten, die für die Unternehmensfinanzierung in Betracht kommen.

Auch der klassische Bankkredit hat nicht ausgedient

In Deutschland, Österreich und der Schweiz ist der Bankkredit nach wie vor das wichtigste und häufig auch kostengünstigste Instrument der Fremdfinanzierung. Dieser tritt in verschiedenem Gewand auf, weshalb der Auswahl des richtigen Produktes eine große Bedeutung zukommt. Aufgrund der zunehmenden Verschärfung der Bankenregulierung stehen Bankkredite jedoch nicht mehr so uneingeschränkt zur Verfügung, wie dies in der Vergangenheit der Fall war. In die Nische springen seit einiger Zeit sogenannte “Schattenbanken” wie die oben angesprochenen Debt-Funds, die in der Regel nicht bankaufsichtsrechtlich reguliert sind und daher freier agieren können als klassische Banken.

Waren Bankkredite neben „atypischen“ Finanzierungsformen wie Leasing (zur Finanzierung von Anlagevermögen) und Factoring (zur Finanzierung des Forderungsbestandes) früher für KMU das final relevante Finanzierungsprodukt, so kommen sie mittlerweile mehr und mehr auch als echte Ergänzung zu alternativen Finanzierungen in Betracht. Gerade in Niedrigzinsphasen kann ein Unternehmen die Rendite auf sein Eigenkapital beträchtlich erhöhen, wenn es den sogenannten „Leverage-Effekt“ nutzt. Wenn er erfolgreich eingesetzt wird, wird die Rendite für den Unternehmer durch Bankkredite wesentlich gehebelt. Dieser „Hebeleffekt“ kann Beträchtliches bewirken und auch noch zur Optimierung der Steuersituation des Unternehmens eingesetzt werden.

Spannende neue Instrumente bereichern unsere Finanzierungslandschaft

Eigenkapitalersatz, der umsatzabhängig verzinst wird und gleichzeitig steuerlich abzugsfähig ist, ist eine derartige Finanzinnovation, die aus Österreich heraus hinkünftig angeboten werden wird. Finanzierungen des Warenlagers nach dem Muster des Factoring eröffnen für KMU neue Finanzierungsmöglichkeiten. Die Blockchain, die über ICOs (Initial Coin Offering) die Finanzierungslandschaft belebt, ist die aktuell wohl am meisten gehypte Finanzierungsform überhaupt. Zuletzt wurden mehr Mittel über ICOs aufgebracht als über Venture Capital. Neue Möglichkeiten schießen wie Pilze aus dem Boden. Das Niedrigzinsumfeld trägt maßgeblich dazu bei. Auch Finanzierungsplattformen mit „Multi Tracking“ bereichern das Finanzierungsspektrum für KMU.

Mittelständische Unternehmen sollten diese Chancen nutzen. Heute lässt sich strategisches Finanzierungspotenzial aufbauen, welches morgen für den nötigen Wachstumsschub sorgen kann. Eine überlegene Finanzierung ist längst zu einem entscheidenden Wettbewerbsvorteil für Mittelständler geworden. Agilität und Geschwindigkeit werden durch eine erhöhte Finanzkraft nachhaltig gestärkt.

 


Über den Autor

Univ.-Lekt. Mag. Dr. Harald Pöttinger ist Experte für Unternehmenswert-Steigerung und selbst erfolgreicher Entrepreneur. Seit 30 Jahren richtet sich sein Angebot an Unternehmer, Manager und Investoren, die sich wie er nicht mit dem Mittelmaß zufriedengeben, sondern in einer Zeit globaler Umwälzungen Chancen von nie dagewesener Größe nutzen wollen. Harald Pöttinger steht für faires Verhalten gegenüber Geschäftspartnern, pragmatisches Agieren und den Einsatz seiner ganzen Persönlichkeit zur Zielerreichung.


Julia Damm

Beitrag von

Julia Damm

in Gastbeiträge, Unternehmensfinanzierung